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Schlesische Heimat

Meine Schlesische Heimat (Wilfried von Rekowski)

Beitrag aus "Brücken nach Polen", ed. Christian-Erdmann Schott (2003)


Nachdem im Herbst 1956 der zwischenzeitlich verhaftete polnische Politiker Wladystaw Gomutka wieder an die Macht gekommen und Erster Sekretär der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei geworden war, hofften viele Menschen im Westen, dass eine Liberalisierung der polnischen Politik die Folge sein würde. Die amerikanischen Quäker, die sich um Kontakte nach Polen bemühten, versuchten daraufhin wieder an ihre alte Tradition anzuknüpfen und internationale Aufbaulager und Seminare in Polen durchzuführen.

So wurde ich als Interessierter im August 1958 zu einem internationalen Seminar nach Skolimov bei Warschau eingeladen. Das war damals insofern besonders aufregend, als es noch keine diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen gab. Ich war gezwungen, mich zu einem Gespräch bei der polnischen Militärmission in Berlin West, wo ich damals wohnte, einzufinden, und da dieses auf polnischer Seite offenbar positiv bewertet worden war und die Amerikaner ihre Bemühungen walten ließen, erhielt ich schließlich das notwendige Einreisevisum nach Polen und konnte somit die damals für Deutsche noch sehr ungewöhnliche Reise per Bahn nach Warschau antreten.

Natürlich verband ich mit diesem meinem ersten Aufenthalt nach 1945 in Polen den sehnlichen Wunsch, meine schlesische Heimat wieder zu sehen, und das gelang auch am ersten freien Wochenende. Gleich nach Beendigung des Seminars kam ich nicht umhin, einen Bericht auszufertigen. Den Teil über die bewegende Schlesienreise lasse ich nun folgen.

In Warschau erreichte ich den Nachtzug nach Breslau und Schlesien, meiner alten Heimat, mit der ich so unendlich fest verbunden gewesen bin. Da die Eisenbahntarife verhältnismäßig niedrig sind, sind die Züge entsprechend voll. Die Aussicht, auf dem Zuggang eingeklemmt in einer Menschenmenge die Nacht zu verbringen, ist nicht gerade angenehm.

Auf den nächsten Stationen steigen noch immer neue Fahrgäste zu. Eine hilfreiche Hand streckt sich mir aus dem Abteil entgegen, und meine Aktenmappe wird im Gepäcknetz verstaut. Wenig später erhebt sich ein junger Mann, und mir wird bedeutet, ein wenig Platz zu nehmen. Wieder einmal bin ich beeindruckt von soviel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. In Lodz wird es etwas leerer. Endlich beginnt der Tag zu grauen, ein großer roter Sonnenball steigt am östlichen Himmel empor. Wir sind bereits in Schlesien: Opole (Oppeln), Otawa (Ohlau), wir passieren den Verschiebebahnhof Brockau und wenig später sind wir in Breslau, Hauptbahnhof. Etwas benommen steige ich aus, langsam kommt die Erinnerung zurück. Dort in der Bahnhofshalle, an der alten Stelle, die Fahrkartenschalter und da die Bahnhofsgaststätte, wo ich im September 1944 nach Abschluss meines Urlaubs noch die Leber von einem von mir erlegten Rehbock aß, die aber nicht recht munden wollte.

Endlich gelingt es, einen älteren Bahnbeamten zu finden, der deutsch spricht. Die Weiterorientierung und das Lesen des Fahrplans mit all den fremden Ortsbezeichnungen macht nämlich einige Schwierigkeiten. Der Frühzug nach Wohlau bzw. Wotöw ist bereits fort, jedoch vom in der Nähe gelegenen Autobusbahnhof soll noch im Laufe des Vormittags ein Bus nach Brzeg Dolny (Dyhernfurt) gehen. Bis zum Abend ist noch etwas Zeit, und ich suche zunächst in der ulica Gen. Karola Swierszewskiego (Gartenstraße) das Cafe Polonia auf, wo ich mir zu meinen mitgebrachten Broten eine Portion Tee bestelle. Die Kellnerin fragt in Deutsch, ob ich wohl aus Westdeutschland käme. Wir kommen ein wenig ins Gespräch. Als ich das Lokal verlassen will, ruft sie mir zu meinem Erstaunen hinterher: "In zehn Jahren werden Sie wieder in Ihrer alten Heimat sein!"

Der Anblick der durch die Festungszeit kurz vor Kriegsende so schwer zerstörten Stadt Breslau ist trostlos. Ich wandere die ulica Swidnicka (Schweidnitzer Straße) entlang in Richtung Ring. Hier ist leidlich Ordnung geschaffen, und die Gebäude sind zum großen Teil wiederhergestellt. Sogar ein wohlbekanntes kleines Kellerlokal unweit der Oper ist vorhanden. Wenige hundert Meter vor dem Ring öffnet sich plötzlich in Richtung Dominsel ein freier Blick. Ich traue meinen Augen kaum, ein richtiger östlicher Markt, der sogenannte "Schabermarkt", auf dem so ziemlich alles gehandelt wird, vom Pferde bis zum Kohlkopf.

Während die Magdalenenkirche stark angeschlagen ist, ist St. Elisabeth gut erhalten. Ich freue mich wieder an dem herrlichen Bau mit der 30 Meter hohen Basilika. Das Innere der Kirche wird gerade renoviert, angeblich hat man mittelalterliche Wandmalereien entdeckt, doch davon habe ich erst später gehört. Die Elisabethkirche ist Garnisonskirche und selbstverständlich katholisch geworden. In Breslau soll noch eine kleine protestantische Gemeinde, die sich hauptsächlich aus Deutschen zusammensetzt, bestehen, der die Christophorikirche übergeben sein soll.

Auf dem Ring grüßt das altvertraute Wahrzeichen der Stadt, das schöne spätgotische Rathaus. Geschäfte mit entsprechenden Auslagen sind noch weniger vorhanden als in Warschau und die Schaufenster durch starke Eisengitter gesichert.

Am Stadtgraben lasse ich mich auf einer Bank nieder, um meine Gedanken zu sammeln. Mit dem Bus geht es dann zum Freiburger Bahnhof, vor dem ein paar Pferdedroschken in der Sonne stehen. Bauersfrauen mit Körben und Kiepen steigen zu. Neben mir sitzt eine freundlich aussehende Frau mit einem lebhaften kleinen Jungen. Das also ist die neue Generation der Schlesier, denke ich, als ich das muntere Bürschlein an meiner Seite betrachte. Die Fahrt geht aus Breslau heraus über mir wenig bekannte, jedoch ordentlich gehaltene Dörfer in Richtung Trebnitz. Die Felder beiderseits der Straße sind bestellt, die letzten Fuder Getreide werden eingefahren.

Nach mehreren Stunden sind wir in Uraz (Auras). Das alte Gutshaus dort soll, wie mir später erzählt wurde, restauriert werden. Die großen Fabrikanlagen der chemischen Rokitawerke bestätigen mir, dass wir uns Dyhernfürt nähern. Am Bahnhof setzt mich der Fahrer ab. Ich kann mit einem in Kürze abgehenden Arbeiterzug weiter bis nach Kniegnitz (Ksieginice), dem Ziel meiner Reise, weiterfahren. Das Bahnhofsgebäude ist völlig unverändert. Als ich eine Fahrkarte gelöst habe, werde ich von einem Polen angesprochen, von dessen aufgeregter Rede ich kein Wort verstehe. Nachdem ich bereits in den Zug gestiegen bin, sehe ich den gleichen Mann auf mein Abteil zusteuern, am Arme führt er Josef W, den mir wohlbekannten Bäckermeister und Kramladenbesitzer aus Kniegnitz. Josef W. starrt mich einen Augenblick an. Erst nachdem ich meinen Namen nenne, erkennt er mich wieder, und es gibt ein Wiedersehen, wie ich es mir nicht hätte träumen lassen. Selbstverständlich bin ich sein und der Familie Gast. Wie im Traum gehe ich die Dorfstraße entlang. Rein äußerlich scheint sich nichts geändert zu haben, nur auf dem Schornstein der ehemaligen Bäckerei hat sich ein Storchenpaar niedergelassen. Im gemütlichen W.'schen Hause wird mir von der inzwischen erwachsenen Tochter ein herrliches Mittagessen bereitet. Mein elektrischer Rasierapparat, mit dem ich mich schnell noch verschöne, wird wie ein kleines Weltwunder bestaunt!

Nachdem ich mich gestärkt habe, gehe ich zum Hause, in dem wir bis zur Vertreibung 1945 gewohnt haben. Haus und Garten liegen im Nachmittagsschlaf. Auf dem Rasen weidet ein Pferd, keine Menschenseele ist zu sehen. Ich könnte mir einbilden, dass meine Eltern im nächsten Augenblick aus der Haustür treten. Ich gehe ins Haus und klopfe an verschiedenen Türen und da erscheint der polnische Förster Herr F. und begrüßt mich herzlich. Wir gehen durch den Garten und großzügig bittet er, dass ich nur ja von "meinen" Äpfeln mir etwas mitnehmen soll! Ich verabrede mich mit ihm für den Sonntagnachmittag und benutze die Zeit, um noch schnell ein paar altbekannte Wege durch Wald und Feld zu gehen. Ich pflücke ein paar Feldblumen und lege sie in mein Notizbuch. Gegen Abend helfe ich meinem Gastgeber sein Kleinvieh füttern und mit seinem Eselgespann holen wir noch ein Fuder Klee von jenseits der Bahnlinie.

Bei einem Glase selbstgekelterten Weines erzählt mir Herr W. Von seinem und seiner Familie Schicksal. Nach dem Einmarsch der Russen ist er nur gerade mit dem Leben davongekommen. Sein Bäckereigewerbe, ebenso wie der Umstand, dass er die polnischen Arbeiter während des Krieges in gleicher Weise wie die deutschen Dorfbewohner mit Backwaren versorgt hatte, rettete ihm das Leben. Nur noch zwei deutsche Familien sind im Dorfe zurückgeblieben. Alle anderen sind von Polen vertrieben worden. Diese wiederum mussten nach 1945 ihre angestammten Gebiete verlassen, da sie von den Russen annektiert wurden; die deutschen Bewohner sind also zum grossen Teile von Vertriebenen vertrieben worden!

Es hat eine Weile gedauert, bis die polnischen Bauern sich in der neuen Umgebung auch nur einigermaßen zurechtfinden konnten, war ihnen doch beispielsweise das Fahrrad unbekannt und mussten sie sich erst an den Gebrauch von Wäscheleinen gewöhnen! Auch die beiden letzten deutschen Familien wollen den Ort verlassen und Haus und Hof damit aufgeben. Ich kann es kaum begreifen, geht es ihnen doch verhältnismäßig gut und haben die Kinder bereits ihre polnischen Freunde und Freundinnen. Sie sprechen schon beinahe besser polnisch als deutsch. Vielleicht ist es aber gerade der Gedanke an die Kinder, der sie unaufhaltsam nach Westen ziehen lässt.

Ich übernachte im gemütlichen Dachstübchen. Am nächsten Morgen begleitet mich Herr W. nach Groß Sürchen (Zerköw), dem Ort, in dem ich aufgewachsen bin und dem ich mich dadurch ganz besonders verbunden fühle. In Warsine überqueren wir die Oder. Hier ist ein großes Stauwerk entstanden und die Oderwiesen sind überflutet. Vier große Turbinen sollen für das Rokitawerk und natürlich auch für die Umgegend elektrischen Strom spenden. Der polnische Staat hat sich zweifellos die Anlage etwas kosten lassen. Jenseits geht's durch den "Königlichen Wald", der mit seinen hohen Tannen auch heute noch königlich ist. In den Schonungen beginnt die Heide zu blühen und im wolkenlosen Augusthimmel zieht unbeschwert ein Bussard seine Kreise. Seifersdorf (Radecz), durch das wir kommen, soll dadurch, dass man in den letzten Kriegstagen versucht hatte, russische Truppen hier aufzuhalten, ziemlich mitgenommen sein. Im ünterdorf, durch das wir radeln, kann ich jedoch keine Zerstörungen feststellen. Auf verwachsenem Waldweg geht's nach Sürchen. Der Wald öffnet sich, und ich muss erst einmal vom Rad absteigen. Es ist ein Augenblick, dem ich mit einigem Herzklopfen entgegengesehen habe. Der Blick gleitet über die bekannten Felder hin zum Dorfeingang. Von der Feldscheune sind nur noch die Fundamente vorhanden, das Lohngärtnerhaus ist ganz verschwunden, und da ist noch eine der alten dreihundertjährigen "Schäferkiefern". Die Schule, in der ich einst als ABC-Schütze anfing, ist auch nicht mehr vorhanden. Wie im Traum fahre ich durchs Dorf, in dem mir jeder Weg und jeder Steg bekannt ist. Die Auffahrt zum Gutshaus ist ganz verwachsen, unter den alten Kastanien vor dem Hause stellen wir unsere Räder ab. Äußerlich ist es bis darauf, dass Türen und Fenster fehlen und die Dachrinnen abgerissen sind, noch einigermaßen gut erhalten. Die in den Giebelnischen der Vorderfront befindlichen Büsten von Ceres und Venus sind herausgeschlagen, ebenso die Wappenschilder über der Tür. Ich gehe die Freitreppe hoch, auf der mich sooft meine Großmutter empfangen hat. In den Räumen liegt knöcheltiefer Schutt, der Parkettbelag ist herausgerissen. Langsam durchwandern wir die Räume, hier und da ist noch etwas vom alten Wandverputz zu sehen und gelangen in den Saal. Mein Begleiter durchmisst den Raum, etwa 80 Quadratmeter. Wie haben sich allein unsere Wohnraumbegriffe verändert! Da stand der schöne Empireofen, mit dem Fuß stoße ich an einige Kachelstücke, da ein Notenblatt, aus Eulenburgs Rosenliedern! Im Zimmer meiner Großmutter, in dem ich verweile, finde ich als Gruß von ihr einen Zettel mit ihrer Schrift.

Im ersten Stock höre ich Geräusche, die mich umso mehr verwundern, als mir das Haus unbewohnt erschien. Ich eile die Treppe hoch und kann gerade noch sehen, wie drei Schafe durch die Zimmerfluchten toben. Das also sind die neuen Bewohner! Wände, Decken, Treppen sind gut erhalten trotz eines örtlichen Brandherdes. Wie gerne würde man Hand anlegen, um ein wenig aufzuräumen. Wenn sich doch für das Haus eine Verwendung finden würde!

Über den Hof am alten Ziehbrunnen vorbei gehts zum außerhalb des Dofes in einem kleinen Waldstück gelegenen Kirchhof. Der Zaun ist abmontiert, ebenso die metallenen Einfassungen der Grabsteine. Alles ist so verwachsen, dass man nur mit Mühe die einzelnen Gräber ausmachen kann. Da liegen verschiedene Generationen meiner Vorfahren mit Blickrichtung nicht nach Osten wie die übrigen Gräber, sondern über die Felder hinaus aufs alte Gutshaus, an dem sie alle so hingen.

Wir raten mit gleicher Blickrichtung am Grabenrande. Unendlicher Friede um uns her, kein Mensch weit und breit, Grillen zirpen. Der Zustand des alten lieben Hauses lässt mich nicht mehr los. Was wird sein weiteres Schicksal sein?

Durch den "Silberberg" geht's auf verwachsenen Wegen zurück nach Dyhernfurt. Von der Wahrener Anhöhe aus, von der man einen weiten Blick ins Odertal hat, sieht man bereits wieder die wenig schöne Fabriksiedlung. Am Kloster vorbei gelangen wir ins Städtchen und auf den Ring.

Ich gehe in die Kirche. Ursprünglich eine nüchterne protestantische Kirche aus der Zeit Friedrichs des Grossen, ist sie unterdessen zur katholischen Kirche umgestaltet worden. Über dem Altar, wo früher ein von meiner Urgroßtante gemaltes Bild, die Emmaus-Jünger darstellend, hing, befindet sich nun die schwarze Madonna von Czenstochau. Die jüngsten Stadtkinder werden gerade getauft.

Am späten Nachmittag bin ich Gast bei Försters. Mehrere Freunde von ihm sind gekommen, Wodka, Wein und große Wurststücke werden angeboten. Ich schaue mich im Zimmer um, einige Möbelstücke scheinen mir nicht ganz unbekannt und prüfend gleitet mein Blick über die an den Wänden aufgehängten Rehgehörne. Herr F., ein kräftiger, rundlicher Mann, mit schrägen listigen Äugelein, prostet mir zu. Er stammt aus Oströw. Während des Krieges haben die Russen ihn und seine Familie mit nach Sibirien genommen. Nach drei Jahren hat er sich dann zur Armee gemeldet und hat schließlich den ganzen russischen Vormarsch bis nach Berlin mitgemacht. Als sich einmal, so erzählte er, hungrige deutsche Kinder an seine Feldküche heranmachten, habe er einfach ausgeteilt. Von seinem russischen Vorgesetzten zur Rede gestellt, habe er diesem geantwortet, dass er dies in Gedanken an seine in Sibirien zurückgebliebenen Kinder tue.

Die anderen Polen in unserer Runde stammen aus den ostpolnischen Gebieten. Auf meine Beteuerung, dass sich die Schlesier in Westdeutschland ganz gut eingelebt hätten und ich mich freue, auf Besuch hier zu sein, stoße ich auf eine gewisse Skepsis: "Wir wissen, wie Flüchtlingen zumute ist, wir können unsere Heimat auch nicht vergessen und würden, wenn uns eine Wahl bliebe, lieber wieder zurückgehen!" Man fürchtet, dass die Deutschen eines Tages mit Krieg wieder zurückkommen werden. Aus dieser Perspektive heraus deutet man auch das Wegstreben der noch verbliebenen deutschen Familien: "Die wollen ja nur sicher gehen!"

Als ich mich nach der Fabrik erkundige, die in den letzten Jahren noch ausgebrannt sein soll, heißt es: "Bitte keine Informationen an den Göttinger Arbeitskreis weitergeben." Ich glaube nicht recht zu hören, kenne ich doch zufällig diesen Arbeitskreis, der sich aus ostdeutschen Akademikern zusammensetzt, die Nachrichten aus den Ostgebieten auswerten und sammeln und von Bonn aus finanziert werden.

Ich muss zur Bahn eilen. Im nächsten Jahr soll ich nur ja wiederkommen und meine Ferien dort verbringen. Der Warschauer D-Zug, in den ich in Breslau umsteige, wird von Menschen gestürmt. Ich habe Glück, französische Studenten nehmen mich mit in ihr reserviertes Abteil. In den Gängen des Zuges drängen sich die Menschen, aber unser Abteil bleibt unbehelligt, denn, wie der Schaffner sagt: "Die französischen Studenten. die doch gewiss eine weite Reise hinter sich haben, sollen sich auf den Bänken ausstrecken können."

Seit diesem ersten Besuch 1958 in der alten schlesischen Heimat sind viele Jahre vergangen, und ich bin seitdem unzählige Male wieder dort gewesen, sowohl allein als auch mit meiner Frau, meinen beiden Geschwistern, mit jedem einzelnen meiner vier Kinder, mit Freunden. Schlesien hat mich einfach nicht losgelassen.

Worum ist es mir bei all diesen Fahrten gegangen? Die unmittelbare Heimat und ihre Entwicklung hat mich immer wieder in ihren Bann gezogen. Sodann ging es mir darum, mit den heutigen Bewohnern von Schlesien Kontakte zu knüpfen, und schließlich wollte ich der kleinen polnischen evangelischen Minderheitenkirche und ihren Mitgliedern materiell und menschlich zur Seite stehen und das nicht zuletzt in Gedanken an die Tradition der evangelischen schlesischen Landeskirche, für die sich meine Vorfahren besonders in der Zeit der österreichischen Gegenreformation, in der Wien sogar mit der Enteignung des Besitzes gedroht hatte, tapfer eingesetzt haben. (...)

Diese Unternehmungen waren vielfach mit der Schlesischen Genossenschaft des Johanniterordens, der ich angehöre, und der Gemeinschaft evangelischer Schlesier abgestimmt und wurden von der Pfälzischen Landeskirche, für die ich seit Mitte der 70er Jahre tätig war, großzügig unterstützt.

Wenn ich heute am Ende meines Lebens im Hinblick auf Schlesien die Bilanz ziehe, so muss ich feststellen, dass Niederschlesien klar polnisch geworden ist. Die Ortschaften haben ihre deutsche Vergangenheit vielfach bewusst abgelegt, in meinem ziemlich verwahrlosten Heimatdorf ist der kleine Waldfriedhof, auf dem sich u. a. 12 Familiengräber befanden, bewusst zerstört, dazu kürzlich noch ein altes Sühnekreuz am Dorfeingang zerschlagen worden.

Das schmerzt, aber es bleibt nicht aus, dass kommende Generationen immer wieder einen neuen Anfang für das Miteinander mit Polen finden müssen. Da kann die geplante Aufnahme Polens in die Europäische Gemeinschaft eine Hilfe sein.