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Schlesien 2006

Reisebericht (Wilfried v. Wantoch Rekowski)

Zu meinem 81. Geburtstag haben mir meine Töchter dankenswerterweise eine Reise nach Schlesien geschenkt, sie wissen von meiner engen Verbindung zur ehemaligen Heimat und haben mich ja gelegentlich bei Fahrten dorthin begleitet.

Da spielt natürlich der Wunsch des Wiedersehens eine Rolle, aber auch das Bemühen um freundschaftliche nachbarliche Verbindungen. Seit vielen Jahren habe ich mich zusammen mit anderen um die kleine polnische evangelische Kirche bemüht und der Diözese Breslau hauptsächlich materiell geholfen.

Am 17. April (Ostermontag) ging die Reise los, zunächst mit Tochter Christine und dem Enkel Sebastian bis in die Gegend von Dresden, wo wir Tochter Annette mit Familie trafen und bei Verwandten des Schwiegersohns Michael übernachten konnten. Von dort ist es nach Schlesien über die Grenze bei Görlitz gar nicht mehr weit, bis in die ehemalige Kreisstadt Wohlau etwa 250 km. Es ging über Bunzlau, wo mein Vater einst das Abitur gemacht hat und Liegnitz, wo ich einige Jahre die sogenannte Ritterakademie besucht habe. In Wohlau bezogen wir ein gemütliches Motel in der ehemaligen Steinauerstraße, gegenüber dem alten Stadtfriedhof (Enkel Lionel teilte mit mir das Zimmer).

Wir nutzten den Tag noch dazu aus, um erst einen Abstecher nach Mondschütz, dem ehemaligen Gut der Verwandten Köckritz zu machen, und um die in Wohlau nahe gelegene gothische Stadtkirche St. Laurentius aufzusuchen, einst evangelisch, heute katholisch. 1708 hatte eine Vorfahrin mütterlicherseits einen Taufstein übergeben als Dank dafür, dass die kaiserliche Regierung in Wien – damals gehörte Schlesien zu Österreich – ihr gestattet hatte, nach dem Tode ihres Mannes die Söhne auf eine evangelische Universität zu schicken. Die Zeit der Gegenreformation betraf Schlesien hart. Nach dem letzten (zweiten) Weltkrieg war der Taufstein zerschlagen worden, doch nun hat man ihn erfreulicherweise wieder repariert.

Am folgenden Tag fuhren wir die alte Landstraße entlang am Christinenhof in das nahe gelegene Dorf Groß-Sürchen, das sich seit Ende des 16. Jahrhunderts im Besitz der Familie mütterlicherseits (v. Köckritz-Haugwitz) befand. Wir besuchten zunächst den Waldfriedhof, einst für die Dörfer Sürchen und Leipnitz bestimmt. Der Friedhof wird nicht mehr benützt und ist ganz verwahrlost und zerschlagen. (Ein Stück eines Marmorkreuzes meiner Familie steht gerettet vor mir auf dem Schreibtisch.)

Noch kann ich die 12 Stellen der Familiengrabstellen identifizieren, und meine Gedanken gehen lebhaft zurück, besonders an die mir sehr nahe stehende Großmutter, die kurz vor Ausbruch des Kriegs dort begraben worden ist. Beim Durchstreifen des Friedhofs stoßen wir auf das unzerstörte Grab einer Mathilde Knothe aus dem Dorfe Leipnitz - wird es noch betreut?

Sürchen

Das gemauerte Friedhofstor ist übrigens noch vorhanden, von dort aus fällt der Blick über die Felder hinweg auf das erhöht liegende, von hohen Bäumen umgebene geschundene Gutshaus. Jetzt verstehe ich, warum sich die Vorfahren mit Blickrichtung auf das Haus haben begraben lassen. Ja, wir alle haben an diesem lieben, stilvollen und vornehmen Hause gehangen!

Wir fuhren weiter in das Dorf Kniegnitz (Kreis Neumarkt) auf dem linken Oderufer, wo wir zuletzt bis zur Vertreibung 1945 in einem Forsthause gewohnt hatten. In Dyhernfurth, unserem früheren Kirchspiel, sollte es mit einer Fähre über die Oder gehen, sie schien abfahrbereit zu sein. Ich mochte dieses Übersetzten über den Fluss, in meiner Kindheit auch mit dem Pferdegespann, immer besonders gerne, die geruhsam hinfließende Oder hatte sich nicht verändert. Doch die Fähre hatte ihren Betrieb – angeblich wegen Hochwasser – eingestellt, wie uns schließlich mitgeteilt wurde. Wir mussten also, um eine Brücke zu erreichen, den Umweg über Leubus machen mit seiner über Schlesien hinaus berühmten Zisterzienserabtei.

In Kniegnitz gab es erfreulicherweise eine Begegnung mit dem mir seit Jahrzehnten vertrauten Bezirksbürgermeister Jerzy Wieczorek...

Schließlich bewunderten wir noch die schlesische Hauptstadt Breslau, in der ich geboren bin. Von einer befreundeten polnischen Familie wurden wir in ein Café am sogenannten "malerischen Ring" eingeladen, ganz in der Nähe der prachtvollen Elisabethkirche, in der Anfang der 20er Jahre meine Eltern getraut worden sind. Wir sind dankbar, dass sich vor dieser Kirche ein Denkmal für den deutschen Wiederstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer befindet, auch er ist in Breslau geboren.

Am letzten Abend in Wohlau besuchen wir noch eine der Bedürftigen, die von mir seit Jahren betreut werden: sie lebt in offenbar gesicherten Verhältnissen mit der Familie ihres Bruders zusammen. Sie liegt zu Bett und ist gerührt über unseren Besuch, so dass die Tränen fließen. Die Enkel sind erstaunt über die deutschen Sprachkenntnisse...

Ich hoffe, dass Kinder und Enkel künftig etwas mit der schlesischen Heimat verbinden und dieser Aufenthalt nachwirkt.